Modell
Von persönlicher Unterstützung zu neuer Wertschöpfung
Die sieben Stufen ordnen KI-Nutzung in drei größere Bereiche ein: Produktivität, Augmentation und Neugestaltung. Die Grenzen sind Orientierungspunkte, keine technisch messbaren Schwellen. In der Praxis verlaufen Übergänge schrittweise, und verschiedene Teile eines Unternehmens können sich gleichzeitig in unterschiedlichen Bereichen befinden.
Stufe 1: Individuelle Produktivität
Auf der ersten Stufe nutzen einzelne Menschen KI, um ihre eigene Arbeit zu unterstützen. Sie lassen sich beispielsweise Texte strukturieren, Informationen zusammenfassen, Formeln erklären, Entwürfe prüfen oder Ideen entwickeln.
Der Nutzen bleibt weitgehend bei der einzelnen Person. Der umgebende Prozess, die Rollenverteilung und die Verantwortung verändern sich nicht zwingend. Häufig entscheiden Mitarbeitende selbst, wann und wie sie das Werkzeug einsetzen. Genau darin liegt auch ein Risiko: Ohne klare Regeln können vertrauliche Informationen in ungeeignete Systeme gelangen, Ergebnisse ungeprüft übernommen oder parallele Schattenlösungen aufgebaut werden.
Kennzeichnende Frage: Unterstützt KI eine Person bei ihrer Aufgabe, ohne dass der gemeinsame Arbeitsablauf neu geregelt wurde?
Stufe 2: Workflow-Unterstützung
Auf der zweiten Stufe wird KI Teil eines wiederkehrenden Arbeitsablaufs. Sie unterstützt definierte Schritte, etwa bei der Dokumentation, der Klassifikation von Anfragen, der Vorbereitung eines Angebots oder der Übertragung von Informationen zwischen Systemen.
Damit verändert sich die Organisationsfrage. Es reicht nicht mehr, dass eine einzelne Person gute Ergebnisse erzielt. Das Team muss klären, welche Eingaben verwendet werden, wo ein Ergebnis geprüft wird, wann ein Mensch übernimmt und wer bei Fehlern oder Ausnahmen entscheidet. Der Prozess bleibt im Kern bestehen, wird aber durch KI ergänzt oder teilweise automatisiert.
Kennzeichnende Frage: Ist KI verbindlich in einen Ablauf eingebunden, dessen Übergaben und Prüfungen festgelegt sind?
Stufe 3: Entscheidungsunterstützung
Auf der dritten Stufe bereitet KI Entscheidungen vor. Sie erkennt Muster, erstellt Prognosen, gewichtet Optionen oder weist auf Risiken hin. Das kann in der Kapazitätsplanung, im Vertrieb, in der Instandhaltung oder in anderen datenbasierten Entscheidungen geschehen.
Die Entscheidung bleibt bei benannten Personen. Dafür müssen Datenqualität, Unsicherheit und Grenzen des Modells verständlich sein. Menschen brauchen die Möglichkeit, Empfehlungen zu prüfen, zu hinterfragen und bei Bedarf zu verwerfen. Forschung zur Mensch-KI-Zusammenarbeit betont gerade bei komplexen und mehrdeutigen Entscheidungen die komplementären Stärken beider Seiten: Systeme können große Datenmengen verarbeiten, während Menschen Kontext und Ziele einordnen (Jarrahi, 2018).
Kennzeichnende Frage: Liefert KI eine begründbare Entscheidungshilfe, während Urteil und Verantwortung erkennbar beim Menschen bleiben?
Stufe 4: KI als Teil der Zusammenarbeit
Auf der vierten Stufe übernimmt KI definierte Beiträge in gemeinsamer Arbeit. Ein System kann Informationen für ein Team bündeln, Aufgaben vorbereiten, Abweichungen melden, Optionen aktualisieren oder Ergebnisse an den nächsten Arbeitsschritt übergeben.
Der Begriff „KI als Teammitglied“ wird in manchen Darstellungen als anschauliche Kurzform verwendet. Er darf jedoch nicht verschleiern, dass ein KI-System keine organisationale Verantwortung trägt. Verantwortlichkeiten verbleiben bei Menschen und der Organisation. Rollen, Zugriffsrechte, Prüfpflichten und Eskalationswege müssen deshalb ausdrücklich gestaltet werden.
Hybrid Intelligence beschreibt die Verbindung menschlicher und maschineller Fähigkeiten mit dem Ziel, gemeinsam bessere Ergebnisse zu ermöglichen, als beide Seiten allein erreichen würden (Dellermann et al., 2019). Daraus folgt nicht, dass KI wie eine Person behandelt werden sollte. Entscheidend ist die funktionale Arbeitsteilung.
Kennzeichnende Frage: Sind die Beiträge von Menschen und KI in einem gemeinsamen Arbeitsprozess klar aufeinander abgestimmt?
Stufe 5: Neugestaltung von Arbeit
Auf der fünften Stufe wird KI nicht nur in einen bestehenden Ablauf eingefügt. Aufgaben, Rollen, Prozesse und Zusammenarbeit werden vom gewünschten Ergebnis her neu gestaltet. Das Team prüft, welche Schritte weiterhin menschliches Urteil erfordern, welche automatisiert werden können und wo neue Kontroll- oder Koordinationsaufgaben entstehen.
Diese Stufe ist anspruchsvoller als eine weitere Automatisierung. Sie berührt Zuständigkeiten, berufliche Identität, Kompetenzen, Führung und häufig auch Personal- oder Mitbestimmungsfragen. Forschung zu Automatisierung und neuen Aufgaben zeigt, dass technologische Veränderung nicht nur Tätigkeiten verdrängt, sondern auch neue Aufgaben und Formen menschlicher Arbeit hervorbringen kann (Acemoglu & Restrepo, 2019). Deshalb sollte Work Redesign nicht mit Stellenabbau oder Effizienzsteigerung gleichgesetzt werden.
Kennzeichnende Frage: Wurde der Arbeitsprozess als Ganzes neu entworfen, statt KI lediglich an einzelnen Stellen hinzuzufügen?
Stufe 6: KI in Produkten und Services
Auf der sechsten Stufe wird KI für Kundinnen und Kunden sichtbar. Sie ist Bestandteil eines Produkts, einer Dienstleistung oder eines Kundenerlebnisses. Beispiele können intelligente Assistenzfunktionen, personalisierte Angebote oder vorausschauende Services sein.
Damit verschiebt sich die Verantwortung erneut. Ein interner Fehler betrifft nicht mehr nur die eigene Arbeit, sondern kann unmittelbar den Kundennutzen, die Fairness einer Leistung, Sicherheit, Datenschutz oder Vertrauen beeinflussen. Produktverantwortung, Qualitätskriterien, Rückmeldemöglichkeiten und der Umgang mit Fehlfunktionen müssen deshalb Teil der Leistungsgestaltung sein.
Kennzeichnende Frage: Erleben Kunden KI als Bestandteil des Angebots und verändert sie den versprochenen Nutzen?
Stufe 7: Neue Wertschöpfungs- und Geschäftslogiken
Auf der siebten Stufe verändert KI nicht nur einzelne Produkte. Sie ermöglicht eine andere Logik der Wertschöpfung. Das kann neue Erlösmodelle, Plattformen, datenbasierte Leistungen oder Angebote betreffen, die ohne KI in dieser Form nicht tragfähig wären.
Diese Stufe ist kein allgemeines Ziel. Ein Unternehmen kann wirtschaftlich erfolgreich und organisatorisch angemessen mit KI arbeiten, ohne sein Geschäftsmodell grundlegend zu verändern. Eine neue Geschäftslogik ist nur sinnvoll, wenn sie einen belastbaren Kundennutzen schafft, strategisch zur Organisation passt und technisch, rechtlich sowie organisatorisch verantwortet werden kann.
Kennzeichnende Frage: Verändert KI die Art, wie das Unternehmen Wert schafft, Leistungen anbietet oder Erlöse erzielt?