Culture Work-4

Corona Koller - Bei Eigenverantwortung hört die Freundschaft auf

[fa icon="calendar"]  27.11.20 13:11  von Franz-Josef Buschmeyer

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Foto von Kevin Curtis auf Unsplash

 

Wer hat ihn nicht schon einmal gehört, den Satz „Bei Geld hört die Freundschaft auf!“? In den letzten Tagen bin ich bei allen Diskussionen rund um das omnipräsente Thema Covid-19 immer wieder gedanklich bei diesem alten Sprichwort abgebogen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Anzahl oder Häufigkeit der Diskussionen aufgrund des zweiten (Teil-)Lockdowns zugenommen hat oder ob sich eine gewisse Corona-Müdigkeit, eine Art Lagerkoller bei mir einstellt.

Es gibt die verschiedensten Positionen rund um die Epidemie. Ich möchte offen gesprochen auch gar keine weitere Diskussion darüber vom Zaun brechen. Gefühlt sind genügend davon im Umlauf. Wenn ich nur in meinem Umfeld schaue, kommt es mir vor, dass es kein anderes Thema mehr gibt. (Ich bin mir sicher, anderen geht es genauso.) Angefangen bei der Schnupfennase eines Grundschülers, die zu einem ausgiebigen Test inkl. Quarantäne bis zum finalen Ergebnis führt, über eine richtige oder falsche Diskussion zum Verbot der Zusammenkunft mehrerer Haushalte bis hin zur Datenschutzdebatte beim Einsatz der Corona-Warn-App. Um es klar zu machen, ich bin Befürworter der App und finde wir sollten die technischen Möglichkeiten ausschöpfen, um uns dieser weitgehend noch unerforschten Krankheit entgegen zu stellen. Wenn selbst der Chaos-Computer-Club, der nicht gerade als regierungsunkritische Unternehmung bekannt ist, zustimmende Worte findet, scheint in diesem Falle die Kritik an der Einhaltung des Datenschutzes zumindest überdenkenswert zu sein. Diskussionen über „richtig“ oder „falsch“ zu den aktuellen Maßnahmen, ob diese „überzogen“ oder „angemessen“ sind, spalten die Gesellschaft, spalten aber viel greifbarer auch Freundschaften.

Es ist unerheblich, welche Position ich vertrete, mir liegt ein ganz anderer Punkt im Magen. Warum schaffen wir es nicht in den zielführenden Diskurs zu kommen, egal ob privat oder beruflich? Warum gibt es immer mehr verhärtete Fronten? Aus welchem Grund schaffen wir es nicht, uns unsere verschiedenen Perspektiven anzubieten und in der gemeinsamen Diskussion vielleicht neue Wege zu finden, die sich uns vorher nicht erschlossen haben? Es scheint an vielen Stellen eine Art Wettkampf entbrannt zu sein, wer „mehr Recht“ hat als der andere. Mir scheint es ist wichtiger, die eigene Position durchzuboxen als gemeinsam nach dem bestmöglichen Weg zu suchen. Gleiches mögen mir meine Diskussionspartner attestieren, dann möchte ich aber auch selbstkritisch zur Anzeige bringen, dass ich es dann nicht geschafft habe, meinen Wunsch besser auszudrücken. Ich möchte, dass wir in diesem unsicheren Raum gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, ich vertraue auf die Wissenschaft und das strukturierte Erforschen der Möglichkeiten, dem Generieren von Wissen. In diesen Tagen hilft mir dort immer wieder das Cynefin-Modell von Dave Snowden, welches dabei hilft verschiedene Kontexte einzusortieren und dementsprechend die Vorgehensweisen auszuwählen. Im Sinne der Darwin’schen Evolutionstheorie deute ich den Begriff „Survival of the fittest“, dass nicht die stärkste, sondern die anpassungsfähigste Spezies überlebt. Weit hergeholt? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wer von uns kann heute schon beurteilen, ob die heute getroffenen Entscheidungen im Umgang mit Corona in 10 Jahren retrospektiv die richtigen gewesen sein werden?

Zurück zu den einleitenden Worten „Bei der Eigenverantwortung hört die Freundschaft auf“. Als ich das erste Mal in meiner Zeit bei Culture Work mit der Hypothese „80% der Menschen können nicht eigenverantwortlich handeln“ konfrontiert wurde, war ich nicht nur irritiert. Ich war regelrecht vor den Kopf gestoßen. „Das kann doch gar nicht sein!“, war mein unmittelbarer Impuls. Damals noch im Kontext der überregulierten Prozesslandschaften in Unternehmen betrachtet, ergibt diese Vermutung im heutigen Kontext Covid-19 für mich immer mehr Sinn. Für mich ist es schwer, den richtigen Weg im Umgang mit der Krise zu finden. Was richtig und was falsch ist dürfte dabei mindestens genauso individuell einzusortieren wie auch unentscheidbar sein. Gerade in Europa können wir die verschiedensten Wege in den Gesellschaften sehen, irgendwo zwischen der starken Regulierung mit restriktiven Ausgangsbeschränkungen und dem Appell an die Eigenverantwortung auf der anderen Seite.

Ich persönlich glaube, wenn jeder einzelne sein individuelles Wohl (für die notwendige, aber leider auch nicht benennbare Dauer) dem Gemeinwohl unterordnet, wir unsere Eigeninteressen dem übergeordneten Ziel diese Krankheit zu besiegen unterstellen, dann haben wir die größte Chance als Menschheit Covid-19 hinter uns zu lassen. Interessanterweise ist genau das unser Modell der Übergangsbarrieren, welches wir typischerweise in Veränderungsprozessen bei unseren Kunden bemühen. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass es hier nicht um Performance sondern schlichtweg um bestmögliches Überleben geht.

Und nochmals: Vielleicht sind alle Maßnahmen total überzogen und wir lachen in 10 Jahren darüber, was wir uns 2020 zugemutet haben. Heute weiß es nur leider keiner von uns.

Ich würde gerne auf das Gute im Menschen vertrauen und ohne die Notwendigkeit der Überregulierung eigenverantwortlich handeln. Was aber ist, wenn die 80% aus der oben genannten Hypothese zur Eigenverantwortung stimmen?

Wer übernimmt dann die Verantwortung für diejenigen unter uns, die nicht eigenverantwortlich handeln (können oder wollen)? Wer kann und darf bewerten, ob jemand eigenverantwortlich handelt? Wo beginnt Eigenverantwortung und wo hört sie auf? (Sehr plakativ formuliert: Wenn jemand für sich entscheidet, dass die Maßnahmen für ihn nicht anzuwenden sind, ist es noch im Rahmen der Eigenverantwortung, wenn diese Person jemanden Drittes mit dem Virus infiziert?) Wäre nicht Solidarität wichtiger? Gibt es etwas wie „Allgemeinverantwortlichkeit“?

„Als Eigenverantwortung oder Selbstverantwortung (auch Eigenverantwortlichkeit) bezeichnet man die Bereitschaft und die Pflicht, für das eigene Handeln und Unterlassen Verantwortung zu übernehmen. Das bedeutet, dass man für das eigene Tun und Unterlassen einsteht und die Konsequenzen, etwa in Form von Sanktionen, dafür trägt. In der Organisationslehre gilt als Gegensatz die Fremdverantwortung.“

Quelle: Wikipedia (URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Eigenverantwortung, 27.11.2020)

Ich kann all das nicht für die Allgemeinheit beantworten. Es steht mir auch gar nicht zu. Was mir aber zusteht, ist dieser ganz starke Wunsch, zum Denken anzuregen und in den Diskurs zu gehen. Das erwarte ich von den Menschen, die mir wichtig sind, von meinen Lieben, von meinen Freunden und auch von meinen Kollegen. Mit diesem Lab-Beitrag spreche ich aber ebenso die Einladung aus, diese Diskussion – auch wenn wir uns nicht kennen – mit mir zu führen oder sie in die Welt zu tragen, sie an den Küchentisch nach Hause mitzunehmen oder sie an den (virtuellen) Stammtisch unter Freunden zu bringen. Wenn wir diese Diskussion unseren Freunden nicht zumuten können, wem dann? Ich will, dass wir uns reiben, dass wir gemeinsam den bestmöglichen Weg finden, den ein einzelner von uns allein nicht finden kann, dass wir unser aller Potential nutzen.

Eine Erkenntnis für mich: Es geht um mehr als Freundschaft, um viel mehr. Als ich angefangen habe diesen Artikel zu schreiben wollte ich mit den Worten schließen, mit denen ich meinen Beitrag begonnen habe. Ich wollte das Statement belegen, dass bei Eigenverantwortung die Freundschaft aufhört. Ich muss aber erkennen, dass genau das Gegenteil der Fall ist, im Diskurs mit Freunden beginnt Eigenverantwortung. Das Anbieten und Abgleichen von Sichtweisen, das gemeinsame Weiterentwickeln ist der Kern eines jeden Durchbruchs, einer Veränderung zum Besseren.

Wahrscheinlich ist Eigenverantwortung eine Art Gradmesser für die Reife einer Gesellschaft. Und wenn Euch Eure Freunde lieb und teuer sind, dann hört eben dort - in der Aktivierung der Eigenverantwortung - die Freundschaft nicht auf.

Ich bin es leid über Corona zu diskutieren, ich habe sprichwörtlich Corona-Koller. Aber ich sehe es als meine (Eigen-)Verantwortung an, mein persönliches Interesse hintenanzustellen und nicht müde zu werden, einen offenen Diskurs zu führen.

 

Kategorien: Gesundheit, Eigenverantwortung

Franz-Josef Buschmeyer

Geschrieben von Franz-Josef Buschmeyer

Franz-Josef Buschmeyer ist Berater, Trainer und Coach bei Culture Work mit den Schwerpunkten Hoshin Kanri sowie der Befähigung und Begleitung von Organisationen bei ihrer agilen Transition.